Abzocke im Kampfsport

Kampfsport – für manche ist es ein Hobby, für andere eine große Leidenschaft. Aber durch die Entwicklungen in den letzten Jahren ist es inzwischen für viele Trainer vor allem eins geworden: Ein Geschäft!

Verbände, Organisationen und Netzwerke verlangen zum Teil wuchernde Ausbildungs- und Lizenzgebühren und zwingen damit die Ausbilder, den letzten Euro aus ihren Schülern zu quetschen. Schlecht ausgebildete Trainer mit einem gekauften, schwarzen Gürtel sind heute wirklich keine Seltenheit mehr.

Letztendlich kannst du der Abzocke nur durch eine Sache entgehen. Du musst es vorher besser wissen. Es lohnt sich also für dich, ein paar Informationen mitzunehmen, bevor du gleich den erstbesten Jahresvertrag unterschreibst.

Am Ende gibt’s drei goldene Tipps gegen Abzocke.

Abzocke im Kampfsport

Kampfsport Millionäre durch Multi-Level-Marketing

„Multi-Level-Marketing“ könnte man übersetzen mit „Vertrieb auf mehreren Ebenen“. Es gibt also eine oberste Ebene, einen Großmeister, der den Kampfsport in Form von Programmen an einige weitere Meister verkauft. Diese bilden die nächst obere Ebene.

Die Preise für solche Lehrgänge sind zum Teil unvorstellbar! Aber du darfst die Programme dann selbst weiter verkaufen. Dafür musst du nur fünf weitere Meister finden und schon hast du die Kosten vielfach zurückbekommen. Klingt ganz einfach oder? Gleichzeitig ist deine Schule immer auf dem neusten Stand.

Diese Kosten werden immer weiter nach unten weitergegeben, bis sie ganz am Ende an dir, dem Schüler, hängen bleiben. Und dir wird das Ganze dann als „der Ferrari unter den Kampfkünsten“ verkauft, dabei ist es einfach die geniale Idee eines genialen Geschäftsmannes gewesen.

Die Kampfkunstorganisation, die das Multi-Level-Marketing nach Europa gebracht hat, konnte mit diesem Geschäftsmodell Geld scheffeln, wie man es noch niemals in dieser Branche gesehen hatte.

Wenn du weiterliest, erfährst du ein paar der Strategien kennen, mit denen dir das ganze Geld aus dem Kreuz geleiert wird.

Multi-Level-Marketing

Horrende Monatsgebühren

Natürlich kann man nicht pauschal sagen, wann eine Schule teuer oder günstig ist. In Frankfurt, Hamburg oder München werden viel höhere Gehälter gezahlt, als in ländlichen Regionen. Da sind die Lebenshaltungskosten höher und natürlich auch die Preise für Kampfsport. Hier musst du also lokal vergleichen.

Wichtig für dich zu wissen ist: Hohe Preise sind nicht automatisch ein Zeichen für gutes Training. Extrem hochpreisige Produkte kommen immer öfter von Leuten, die sich besser im Marketing auskennen, als mit ihrem eigentlichen Beruf.

Marktforscher haben schon lange rausgefunden: Wenn sich Kunden mit einem Produkt nicht auskennen, machen sie die Qualität allein am Preis fest. Also lass dich nicht von Sprüchen wie: „Wer billig kauft, kauft zweimal“ beeinflussen.

Qualität kostet, das ist klar. Aber wenn ein Anbieter fast doppelt so viel Geld nimmt, wie alle anderen, solltest du dir (und vielleicht auch dem Anbieter) die Frage stellen: „Was bietest du mir wirklich mehr, was diesen Preis rechtfertigt?“

Marketing im Kampfsport

Knebelverträge im Kampfsport

Die zwei Probestunden haben Spaß gemacht, der Preis ist in Ordnung, also her mit dem Vertrag. Schnell alles ausgefüllt und da steht es: Vertragslaufzeit 24 Monate. „Aber wenn sich in fünf Monaten doch herausstellt, dass es nichts für mich ist?“

Auch wenn es aus deiner Sicht natürlich nicht fair ist, handelt es sich hierbei tatsächlich nicht um Abzocke. Oft ist es einfach notwendig, um Gewerbeimmobilien zu mieten. Die kosten ein kleines Vermögen und werden meistens auf mindestens fünf Jahre vermietet.

Mir ist es schon passiert, dass sich innerhalb von drei Monaten die Hälfte meiner Schüler aus beruflichen Gründen abmelden musste. Hätte ich eigene Geschäftsräume mit Mietausgaben von 2.000 € pro Monat, dann hätte ich einen schönen Draufleger gemacht, bis sich der Schülerstand erholt hätte. Mit Vertragslaufzeiten kann man einfach besser auf solche Situationen reagieren.

Ich habe mit meiner Krav Maga Schule in Bad Wildungen wirklich Glück, dass ich in super Räumlichkeiten untergemietet bin. Ich muss meine Schüler nicht an Vertragslaufzeiten binden. Bei mir bezahlst du einfach so lange, bis du keine Lust mehr hast zu trainieren.

Knebelverträge

„Wie presse ich das meiste aus den Schülern raus?“ – Versteckte Nebenkosten

Das Training kostet 55 € im Monat. Hört sich erst mal gut an. Dazu kommen noch 40 € Anmeldegebühr, ein Jahresbeitrag für die Organisation von 80 € und du brauchst halt T-Shirts für 30 €. Und ach ja, die gibt’s natürlich nur im Doppelpack.

Rechnen wir alles zusammen und teilen es durch die zwölf Monate, sind wir schon bei 70 € im Monat tatsächliche Kosten! Damit hört es aber noch nicht auf. Der langjährige Kampfkunstmeister Ralf Pfeifer beschreibt in seinem Buch „Abzocke im Kampfsport“ weitere Strategien.1

Zum Beispiel Nebengeschäfte wie Mineraldrinks und Proteinriegel. Die machen sogar noch mehr Umsatz, wenn man den Schülern verbietet, eigene Flaschen mitzubringen. Schließlich will man ja keinen Glasbruch in der Umkleidekabine. Außerdem muss man sie ja immer sofort nach dem Training nehmen, weil sie zu Hause schon nicht mehr optimal verwertet würden.

Besonders perfide sind natürlich Kosten, die in Lehrgängen und Ausrüstung versteckt werden, die du dann für Gürtelprüfungen brauchst. Damit kannst du gar nicht rechnen und wenn du vorankommen willst, musst du bezahlen. Wechselst du die Kampfschule, sind ja deine ganzen Trainingsfortschritte umsonst – aber mit Sicherheit nicht gratis – gewesen.

Kosten berechnen

Halt die Schüler dumm, dann machst du sie arm

In Europa gibt es sehr beliebte Kampfkünste, die den Kämpfer ursprünglich in wenigen Monaten Kampftauglich machen sollten. Aber hier werden sie in statische Grundübungen verpackt und auf 12 Schülergrade aufgeteilt, sodass du mindestens 8 Jahre brauchst, um sie einigermaßen zu beherrschen.

Diese Schülergrade kennst du vielleicht in Form von Farbigen Gürteln wie im Karate, Judo oder Taekwondo. Diese Gürtel haben damals deinen militärischen Rang angezeigt. Du musstest es dir also erst mal verdienen, die besseren Techniken zu lernen.

Hier wird viel damit argumentiert, dass erst mal „grundlegende Bewegungen verinnerlicht werden sollen“. Man will ja „auf ein starkes Fundament bauen“. In Wirklichkeit verschwendest du einfach deine Zeit mit technischen Spitzfindigkeiten, die du gar nicht verstehst. Um solche Details zu begreifen brauchst du Praxiserfahrung und die kriegst du nicht mit Grundübungen.

In traditionellen, asiatischen Kampfkünsten wirst du Gürtelprüfungen machen müssen, aber üblich sind nur vier bis acht Schülergrade. Vor allem, wenn sich viele Schüler darüber beklagen, dass sie nach zwei Jahren immer noch nicht das Gefühl haben, wirklich etwas zu können, sollten bei dir alle Alarmglocken klingeln.

arm

Goldene Tipps gegen Abzocke

Du kennst jetzt ein paar gängige Strategien, mit denen Kampfsportler abgezockt werden. Was machst du jetzt damit?

 

Tipp #1: Überleg dir zuerst genau, was du willst und such erst anschließend gezielt nach einer Schule. So vermeidest du, dass du dich von einer netten Atmosphäre beeinflussen lässt und irgendwo landest, wo du niemals deine Ziele erreichst.

Tipp #2: Erkundige dich, wem die Schule eigentlich gehört und wie sie organisiert ist. Frag vor allem den Trainer, wie er seine Qualifikation erreicht hat und ob er seinen kompletten Lebensunterhalt mit der Schule verdient. (Den Unterschied wirst du auf dem Konto spüren)

Tipp #3: Unterhalt dich ausgiebig mit den anderen Schülern. Frag sie, aus welchem Grund sie sich in der Kampfschule angemeldet haben und wie viel sie bereits erreicht haben. Es ist auch interessant, was sie alles schon für Prüfungsgebühren, Lehrgänge, Trainingskleidung und sonstige Ausrüstung bezahlt haben.

Nur deine eigene Meinung zählt

Ich will mit diesem Artikel niemandem persönliches etwas Böses unterstellen.

Ich will dir nur Hilfestellungen geben, mit denen du dir ein besseres Bild machen, versteckte Kosten finden und für dich die beste Entscheidung treffen kannst.

Auch wenn dir das ein- oder andere negativ auffällt, hast du vielleicht trotzdem die perfekte Schule für dich gefunden. Am Ende kannst nur du selbst die richtige Wahl treffen.

 

1Pfeifer, Ralf: Abzocke im Kampfsport. Pietsch Verlag, 1. Auflage 2011, S. 31 ff.