Selbstverteidigung – Die verschiedenen Trainingsmethoden

Ich übe inzwischen seit 14 Jahren Selbstverteidigung und habe in dieser Zeit über zehn Kampfkünste und Kampfsportarten ausprobiert und viele verschiedene Trainer kennengelernt.

Rückblickend gibt es doch gewaltige Unterschiede dazwischen, wie dir in den verschiedenen Schulen das Kämpfen beigebracht wird.

Hier kannst du mehr darüber erfahren, wie unterschiedlich Kampftraining aussehen kann und du kannst dir gerne ein Bild davon machen, welches Training am besten zu dir passt.

Fabian Kiltz Kickboxen

1. Ansatz: Das Traditionelle Training

In traditionellen, asiatischen Kampfkünsten, die im Stand ausgeführt werden, habe ich das Training immer als sehr statisch empfunden. Dazu gehören zum Beispiel Karate, Taekwondo und verschiedene Kung-Fu Stile.

Das heißt, dass du mit den anderen Schülern in einer Reihe stehst und du auf japanische Kommandos immer denselben Lufttritt übst. Bis der Meister eben was anderes sagt.

Auch Partnerübungen sind genau geplant, sodass du immer weißt was als nächstes passiert. Du wirst also selten überrascht und kannst dich hauptsächlich eine saubere Ausführung der Techniken konzentrieren.

Die größte Schwierigkeit, die ich bei diesem Training sehe, ist dass du im Freikampf Schwierigkeiten bekommst, alle Bewegungen sinnvoll zusammenzusetzen. Wenn du stockst und ständig überlegen musst, kannst du nicht kämpfen.

Karate Training

2. Ansatz: Strategisches Training

Manche Kampfkünste bestehen nicht nur aus einem Katalog von Techniken, sondern haben bestimmte Prinzipien, nach denen gekämpft wird.

Wing Chun zum Beispiel hat 4 Kampfprinzipien:
1. Ist der Weg frei, stoß vor
2. Kriegst du Kontakt, bleib kleben
3. Ist der Gegner zu stark, gib nach
4. Weicht der Gegner zurück, folge ihm

Wenn du lange genug trainierst, laufen viele Abwehrbewegungen und Schrittarbeit automatisch ab. Ab diesem Punkt des Trainings lässt du deine Reflexe ihre Arbeit machen und konzentrierst dich darauf, diese Prinzipien umzusetzen.

Beim Boxen und Kickboxen läuft es in guten Schulen genauso ab. Wenn du ein bisschen Erfahrung hast, gibt dein Trainer dir eine Strategie, die zu dir passt.

Boxtrainer

Welcher Ansatz ist besser für Selbstverteidigung geeignet?

Ich interessiere mich natürlich immer dafür, welches Training am besten für Selbstverteidigung im echten Leben ist. Da bist du mit dem statischen Training natürlich aufgeschmissen, weil du gar nicht lernst zu kämpfen.

Der Amateur MMA Weltmeister und Krav Maga Systemgründer Tom Madsen hat es auf den Punkt gebracht: Du sollst „statische Verteidigung gegen statische Angriffe […] vermeiden. Menschen sind kreativ und verwenden nicht immer dieselben Angriffe und stehen nicht immer in der gleichen Position.“1

Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen allerdings, dass auch dieser Trainingsansatz inzwischen überholt ist.

Selbstverteidigung Fixierung

Vernachlässigung der angeborenen Reflexe

Keith R. Kernsprecht ist der Leiter der wahrscheinlich größten Kampfkunstorganisation in ganz Europa. Er schreibt, dass „je mehr Denkschritte das Gehirn eines Kämpfers benötigt, um einen Angriff zu identifizieren und damit einer passenden Abwehr zuzuordnen, desto länger und ungünstiger wird seine minimale Reaktionszeit.“2

Der ehemalige Türsteher und hauptberufliche Selbstverteidigungstrainer Alexander Franke sagt, dass „nicht nur alleine die Technik zählt, […] sondern dass man sich auch mit den Emotionen einer Schlägerei […] auseinandersetzen muss“3

Offenbar haben die beiden das Ausmaß ihrer eigenen Aussagen noch weit unterschätzt!

Es gibt tatsächlich Studien, die gezeigt haben, dass du im Schreck sogar überhaupt keine Bewegung auswählen kannst und der Körper einfach auf ganz simple, angeborene Schutzhaltungen zurückgreift.

Selbstverteidigung mit natürlichen Schutzhaltungen

Fehlerquelle: Du!

Jeder Kampfsportler kann dir genau sagen, wie er mit seinem überragenden Kampfsystem jeden einzelnen Angriff, den du auf Lager hast, mit Leichtigkeit kontern kann.

Aber die simple Wahrheit ist: Ein Boxer wird nur getroffen, wenn er einen Fehler macht. Und Boxer werden getroffen – Sie machen Fehler!

Wenn du wirklich Angst hast, verkrampfst du, dein Gehirn läuft mit Stresshormonen voll, die dir jegliches logisches Denken unmöglich machen.

3. Ansatz: Die nächste Generation der Selbstverteidigung

Während meiner Kampfkunstkarriere hatte ich drei echte Konfrontationen in der wirklichen Welt da draußen. Eine habe ich tatsächlich mit einer Hebeltechnik beendet, aber nur weil der Angreifer 40 kg leichter war als ich und auch mit ganz wenig Motivation angegriffen hat.

Die anderen beiden Situationen haben sich so schnell entwickelt, da war überhaupt nicht daran zu denken, ob ich jetzt mit einem Außen- oder Innenblock abwehren soll.

In diesem Fall wäre es das Beste gewesen, ich hätte einfach eine Technik trainiert, die ich immer machen kann, ohne eine Wahl treffen zu müssen. Die sollte natürlich so viele Angriffe wie möglich kontern und darf sich nicht mit deinen natürlichen Reflexen beißen.

Das ist die nächste Generation der Selbstverteidigung!

Hier habe ich diese Lösung auf dem Martial Arts Day präsentiert, dem größten Kampfkunstseminar in Europa.

Alle drei zusammen

Es muss natürlich klar sein, dass es keine Wundertechnik gibt, mit der du jeden Kampf gewinnst. Dafür gibt es zwei Lösungen:

Erstens: Du beschränkst dich auf diese eine Technik, damit du sie so gut beherrschst, dass du fast jede Situation damit regeln kannst.

Ich fürchte nicht den Mann, der 10.000 Kicks einmal geübt hat, aber ich fürchte mich vor dem, der einen Kick 10.000 mal geübt hat.
-Bruce Lee

Zweitens: Du fügst diese Technik deinem sonstigen Kampftraining hinzu, damit du notfalls darauf zurückgreifen kannst. Das ist eine Verbindung vom zweiten und dritten Ansatz.

Zusätzlich eignet sich das statische Training, um sich überhaupt erst mal mit einer Kampftechnik vertraut zu machen und sie einzuschleifen. Im Krav Maga Panic Performance spielen deshalb alle drei Trainingsmethoden eine Rolle.

Bruce Lee

1 Madsen, Tom: Krav Maga Survival. Verlag pietsch, Stuttgart, 1. Auflage 2012, S. 20

2 Kernspecht, Keith Ronald: Vom Zweikampf. Wu Shu-Verlag Kernspecht, 7. Auflage 1998, S. 15

3 Franke, Alexander: Das Gesetz der Strasse. Debux Verlag, Hamburg, 2. Auflage 2015, S. 7